Freitag, 18. November 2011
Menschliche Relativitätstheorie. Oder die Sucht nach der Rangliste
Ich habe mich gefragt, warum sich Menschen eigentlich immer mit anderen vergleichen. Weil das menschlich ist, könnte man antworten. Ja, ja, schon klar. Ich bin ja auch ein Mensch und kenne dieses er-Syndrom. Das besser, schöner, weiter, schneller, klüger usw.
Kinder übernehmen das dann ganz flugs von ihren Eltern. „Ich kann das schon und du noch nicht, ätsch!“ So als ob es eine Leistung wäre, an ein Regal zu kommen, das für ein anderes Kind noch unerreichbar ist. Wahnsinnsleistung!

Einsteins Relativitätstheorie wird ja auch gerne auf menschliches Vergleichen reduziert. Langweilt sich der Mensch, vergeht die Zeit langsamer. Macht er etwas Spannendes, vergeht sie schneller. Tatsächlich vergeht die Zeit ja immer im gleichen Rhythmus, wir reden in diesem Zusammenhang deshalb ja nicht von Physik sondern höchstens von Egozentrik. Die Zeit interessiert sich nun mal nicht ansatzweise so sehr für uns wie wir selbst das tun. Aber so sind Menschen halt.

Geht es um die Sache?

Menschen ist es meistens auch gar nicht so wichtig, etwas gut zu machen. Viel wichtiger ist es, besser zu sein als die anderen. Zumindest nicht schlechter. Mindestens aber schneller. Die Qualität ihres eigenen Handelns bewerten sie konsequenterweise auch nicht mit „ich werde besser, gut oder wow“, sondern mit, „ob die anderen das auch geschafft haben? Ob die anderen das besser gemacht haben? Oh jeh, im Vergleich mit den anderen habe ich bestimmt wieder versagt!“ Vor allem letzter Punkt schafft natürlich jede Menge Arbeitsplätze in der Beratungsbranche, vielleicht sollte ich das einfach nicht so verbissen sehen. Machen die anderen ja auch nicht.

So was Doofes.

Die menschliche Relativitätstheorie hat dabei längst unsere gesamte Gesellschaft erfasst. Ratings, Tabellen, Ranglisten, wohin man schaut. Wenn es um Platzierungen, Ergebnisse und Tabellen geht, setzt die Logik und das Denkvermögen geradezu reflexartig aus. Genau der richtige Zeitpunkt für glaubwürdige Instanzen. Jurys, Leute, die, wenn schon nicht qualifiziert, dann doch mindestens von sich selbst überzeugt sind. Und die bewerten dann. Per Ranking. Oder per Charts. Kreditwürdigkeit. Mit Evaluierung. Oder per Wahl zum sexiest man alive. Oder indem sie (gerne auch sich selbst) Preise verleihen. Fernsehpreise, Musikpreise, PISA, Hochschulrankings, Topmodels, egal was. Wen interessiert schon, wer da eigentlich Veranstalter ist, welche Motivation er hat, ob da ein Hirn oder nur Knete im Kopf vorhanden ist, völlig wurst, Hauptsache es gibt einen Medaillenspiegel!

... link (0 Kommentare)   ... comment